• AS Renner

Binti - eine Liebeserklärung

Aktualisiert: 22. Dez 2019


Ich habe die drei von Frauen geschriebenen Science-Fiction Bücher zu Ende gelesen. Am besten hat mir Binti (PL) gefallen. Für dieses Buch habe ich am längsten gebraucht, aber es wäre auch eine absolute Verschwendung gewesen, diese Geschichte hinter zu schlingen. Binti ist ein Gourmetessen, kein Fast Food Burger!

Beginnen wir aber erst mal mit den beiden anderen Büchern.


Die Gabe von Naomi Alderman



Frauen auf der ganzen Welt verfügen plötzlich über die Fähigkeit, Stromschläge zu verteilen, auch tödliche. Damit ändert sich das weltweite Machtgefüge zwischen den Geschlechtern. Männer sind nicht mehr das vermeintlich stärkere Geschlecht, sondern Frauen.


Ich hatte dieses Buch ausgewählt, weil ich diese Prämisse so interessant finde: was würde passieren, wenn die (muskuläre) Überlegenheit der Männer nicht mehr wäre bzw. Frauen sich einfach mal wehren könnten?


Mich hat das Buch aber enttäuscht. Ich kam mit den Charakteren nicht klar. Es entstand keinerlei Verbindung, keinerlei Interesse für mich an dem Schicksal der Hauptcharaktere. Man muss dazu sagen, die Geschichte ist als eine Art Forschungsbericht angelegt, den ein Mann in der Zukunft geschrieben hat. Das machte für mich das Buch streckenweise wirklich langweilig. Wenn ich nicht mitfiebern kann, macht das Lesen keinen Spaß. Ich muss zugeben, dass ich zum Ende hin einiges überflogen habe, um das Buch zu beenden.


Was ich auch nicht mochte ist, dass die Schriftstellerin zu dem Schluss kommt, dass Frauen nicht anders sind als Männer, ein Machtwechsel würde einfach nur alles umkehren, dass halt Frauen jetzt politisch an der Macht sind, und beispielsweise Vergewaltigungen an Männern verüben, was ich für schwachsinnig halte, weil Frauen immer noch mehr riskieren beim Sex, nämlich schwanger zu werden.

Natürlich halte ich eine Übergangsphase für durchaus realistisch, in der es Männern schlecht ergeht, weil Frauen, die von Männern misshandelt wurden, jetzt einfach mal den Spieß umdrehen. Ich möchte damit nicht sagen, dass Frauen keine Gewalt ausüben, aber der Roman fokussiert sich zu sehr auf Gewalt und Macht durch Gewaltausübung, andere Bereiche wie Partnerschaften, Liebe, Familie, Heilung, Versöhnung, Verantwortung, die mit Macht kommt, das wird alles ausgeblendet und einer teilweise perversen Machtphantasie unterworfen, als ob Männer und Frauen, zwei Lager werden, zwei Seiten einer Medaille, die sich niemals treffen könnten. Ein Roman, der keine Hoffnung macht, und eher dem Status Quo huldigt. Veränderung lohnt sich nicht, ist vielleicht sogar gefährlich, höre ich aus dieser Geschichte heraus.


Vox von Christina Dalcher



Vox hab ich auch wegen des spannenden Themas ausgesucht. Hier geht es ebenfalls darum, wie ein Geschlecht über das andere Macht ausübt. Frauen dürfen nur noch 100 Wörter am Tag sprechen. Ein technisches Armband verteilt schmerzhafte Stromstöße, wenn man diese hundert überschreitet. Das alles, weil eine christlich-fundamentalistische Regierung in den USA an die Macht gekommen ist, die Frauen wieder zu Hause und in ihren alten Rollen als stille (!) Hausfrau und Mutter sehen will.

Ich fand die Geschichte im Vergleich zu "Die Gabe" besser, weil ich mich mit der Hauptdarstellerin von Anfang an identifizieren konnte und wirklich wütend war beim Lesen, so wütend, dass ich dieses Buch an einem Tag verschlungen habe. 🙈

Ich konnte mich so gut in diese Frau hineinversetzen und wie wütend sie auf ihren scheinbar teilnahmslosen Mann war. Zum Ende hin war alles ein bisschen zu einfach gelöst, vor allem im Privatleben der Hauptdarstellerin, aber ich will hier nicht spoilern. Das Buch ist spannende Unterhaltungsliteratur gewesen, wird aber sicherlich jetzt keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.


Nun aber zum Buch Nummer 3 in meiner Science-Fiction-von-Frauen-Reihe:


Binti von Nnedi Okorafor



Dieses Buch kann ich jedem nur empfehlen. Es ist eine Geschichte voller Wunder und Entdeckungen, eine ganz neue Welt. Genauso wie ich es mir von einem Science-Fiction-Roman wünsche. Dieses Buch ist ein Schatz und ich werde es bestimmt nicht nur dieses eine Mal lesen.


Endlich mal was anderes, als dieses typische Hollywood Heldenreisen-Schema, was wir als Leser viel zu oft serviert bekommen, weil wir eben doch vor allem westlich geprägte Autoren lesen. Afro-Futurismus nennt sich diese Sparte der Science-Fiction, die ich mit Sicherheit noch etwas weiter erkunden werde.


Ab Seite eins tauchst du als LeserIn ein, in eine ganz andere Welt. Es geht um Binti, die ihre Familie verlässt, um eine ferne Universität auf einem anderen Planeten zu besuchen. Das aber bedeutet, dass sie eine Ausgestoßene ihrer Heimat sein wird, unverheiratbar, und mit diesem Schritt Schande über ihre Familie bringt. Dieses Buch behandelt so viele Themen, die mich interessieren und persönlich anziehen: sich in der eigenen Familie fremd fühlen, der Wunsch dazu zu gehören und doch anders zu sein, die Suche nach der eigenen Identität, wenn wir doch aus so vielen bestehen. Es geht um Kultur und wie verächtlich verschiedene Kulturen aufeinander herab schauen und dabei übersehen, welch wertvolles Wissen jedes einzelne Volk bereit hält. Wie wir uns durch diese Überheblichkeit vor dem Wissen der Welt verschließen. Binti tut das nicht, sie kann es nicht, sie wird vom Schicksal in eine Rolle der Schlüsselfigur gestoßen, ein Schlüssel, der die Türen zu anderen Kulturen öffnet und sie in sich aufnimmt, selbst, wenn sie sich anfangs dagegen wehrt.


Schließlich erlangt Binti dadurch eine unglaubliche Kraft und Stärke, die sie natürlich weiter von ihrer Familie entfernt. Diesen Konflikt kann ich so gut nachvollziehen: das Hin und Her zwischen persönlicher Entwicklung und dem Wunsch nach dem Zuhause, der Wurzel, der Liebe von denen, die diese Entwicklung nicht nachvollziehen können. Vielleicht hat mich deshalb dieses Buch so berührt.


Und noch ein bemerkenswerter Vergleich zu den beiden ersten Büchern: hier spielt auch Geschlecht eine Rolle, aber nicht nur in der Differenz der Rolle der Frauen zu den Männern in Bintis Kultur, nein, und das finde ich hier so toll: weil es Außerirdische verschiedenster Art gibt, sind Geschlechter überhaupt nicht mehr so klar trennbar. Das wird gar nicht wirklich heraus gestellt, beurteilt, ist einfach so. Allein dadurch ist der Roman von Nnedi Okorafor schon um Welten weiter als "Die Gabe" und "Vox".


Es steckt so viel Wahrheit, Wissen und Kraft in Bintis Geschichte. Ich kann sie nur jedem ans Herz legen. 💖


#lesen #buch #scifi

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