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Schreiben für Kinder - trotz Schule



Heute hat mich eine Freundin um Hilfe gebeten. Ihr Sohn hat Schwierigkeiten mit dem Schreiben von Aufsätzen in der Schule. Meine erste Frage war natürlich, ob er gern liest. Das tut er nicht. Leider. Aber vielleicht können ja auch Comics, Mangas für Kinder ein guter Einstieg in das Leseabenteuer sein. Meine Nichte, die gerade erst anfängt mit Lesen, verschlingt Comics.

Über das Lesen zu gehen, um Aufsätze schreiben zu lernen und ein Gefühl für die Sprache zu bekommen, ist jedoch sehr mühselig, wenn das Kind selbst darauf keine Lust hat.

Ich glaube, jeder mag Geschichten. Wenn wir schon nicht lesen, dann schauen wir gern Filme, Serien oder hören Hörbücher - besonders auch Kinder!

Wir alle können reden, ziemlich viel sogar, wenn es um unsere persönlichen Lieblingsthemen geht. Dann sollte doch der Sprung zum Aufschreiben dieser Dinge gar nicht so groß sein, oder?

Leider glauben zu viele Menschen, dass sie nicht schreiben können. Meist hat das wohl damit zu tun, dass wir in der Schule darauf getrimmt werden, unbedingt auf Rechtschreibung und Grammatik zu achten und wenn der Lehrer/die Lehrerin nun auch noch fordert, dass die Syntax abwechslungsreicher werden muss, ist bei mir die Hutschnur zum Zerreissen gespannt, und eine Schreibblockade beim Kind natürlich vorprogrammiert! 

"Leider haben die meisten von uns nicht gelernt, aus einem Gefühl innerer Freiheit anstatt nach vorgegebenen Regeln zu schreiben. Das Ergebnis ist nur zu oft ein flauer, fader, gekünstelter Text, ohne Originalität, ohne natürlichen Fluß, ohne schöpferische Freiheit im Umgang mit der Sprache. Der entscheidende Unterschied zwischen reglementiertem und zwanglosem Schreiben besteht darin, daß jenes von außen angeregt wird, während beim natürlichen Schreiben die Worte von innen kommen. Unser Unterricht in der Muttersprache, der auf die einseitige Förderung des begrifflichen Denkens ausgerichtet ist, hat unsere kreativen, nach bildhaftem Ausdruck strebenden Fähigkeiten blockiert - zumindest hat er verhindert, daß wir sie in angemessener Weise brauchten und dadurch unser angeborenes kreatives Ausdrucksvermögen fühlbar eingeschränkt." Gabriele L. Rico: Garantiert schreiben lernen*

Wir AutorInnen, wissen, was es heißt, blockiert zu sein. Nicht umsonst spreche ich meine Texte gern mal in eine Diktierapp, die das Ganze dann in Schrift umwandelt, um mich vom Druck des Schreibens freizumachen. Welcher Autor schreibt schon eine Geschichte, ohne sie dann nochmal auf Rechtschreibung, Grammatik usw. zu überprüfen, die Sätze noch einmal anders zu formulieren? Wir holen uns Hilfe von LektorInnen, weil wir nicht sicher sein können, ob grammatikalisch alles stimmt oder der Ausdruck noch verfeinert werden könnte.  Warum also von einem Kind verlangen, dass es in einer Unterrichtsstunde in einem Guss, handschriftlich einen fertigen Text hinzaubert, möglichst noch zu einem festgelegten Thema? Kann ja nur schiefgehen. Es sei denn, man schreibt (und liest) sowieso gerne und die Worte fließen praktisch einfach so aus einem heraus (wie es bei mir in der Schule oft war).

Eltern sollten aber nicht verzweifeln, sondern vielleicht versuchen, das Kind zum freien und kreativen Schreiben anzuregen, dies am besten selbst und zusammen mit dem Kind praktizieren.

Wie funktioniert kreatives Schreiben?

Niemand sagt dir, was du zu schreiben hast. Es wird kein Thema vorgegeben. Niemand kontrolliert, ob alles richtig geschrieben ist. Es geht einfach nur darum, die Gedanken aus dem Kopf in den Füller und auf das Papier zu bringen. Eher ein Art Gedankenprotokoll. 

Natalie Goldberg erklärt in Writing down the bones. Freeing the writer within*:

"This is also how you should be when you write: writing does writing. You disappear: you are simply recording the thoughts that are streaming through you."

"So solltest du beim Schreiben sein: das Schreiben schreibt sich selbst. Du löst dich auf: du protokollierst einfach die Gedanken, die durch dich durchgehen."

Das ist so eine tolle Übung und fühlt sich auch wirklich gut an. Vielleicht kann sich das Kind ein Notizbuch aussuchen, in das es jeden Tag fünf Minuten vor dem Schlafengehen oder nach dem Aufstehen reinschreibt. Was geschrieben wurde, geht niemanden etwas an und wenn das Kind schreibt: Meine Lehrerin ist scheiße! Ist das auch vollkommen in Ordnung. Da können richtig die Fetzen fliegen! Das muss dem Kind klar sein. Es darf alles! Die Gedanken sind frei! Und für Andere ist das Buch tabu! Das Schreiben als Prozess der Freiheit. Einfach den ganzen Rotz, der im Kopf steckt, mal loslassen, den ganzen Ärger, den man vielleicht auf Mama hat, weil sie einem wieder eine Strafe aufgebrummt hat. Wirklich alles! 

Und wenn dem Kind nichts einfällt, schreibt es eben ein paarmal: Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein!!! Dann werden schon andere Gedanken kommen.

Vielleicht erlebt das Kind so zum ersten Mal, wie befreiend Schreiben sein kann, was für eine Wohltat, wenn man seine Wut nicht hinaus schreien, aber dafür hinaus schreiben kann, ohne, dass es Ärger gibt! Wenn man sich selbst durch das Aufschreiben seiner Gedanken besser kennenlernt und versteht.

Das kann einen sehr meditativen Effekt haben - ist also auch eine absolute Entspannungsübung für gestresste Schulkinder.

"When you write, don't say, "I'm going to write a poem." That attitude will freeze you right away. Sit down with the least expectation of yourself; say, "I am free to write the worst junk in the world." Natalie Goldberg

"Wenn du schreibst, sag nicht: "Ich werde ein Gedicht schreiben." Diese Einstellung wird dich sofort blockieren. Setz dich mit der geringst möglichen Selbsterwartung hin; sag: "Es steht mir frei, den schlimmsten Schrott der Welt zu schreiben." Natalie Goldberg*

Was aber, wenn ein Aufsatz zu einem festen Thema geschrieben werden soll?


Dann würde ich so anfangen: ein weißes (also nicht kariertes, nicht liniertes!) Blatt Papier nehmen, es quer (!) vor mich legen und erstmal ein Brainstorming machen. In die Mitte des Papiers das Thema des Aufsatzes schreiben, zum Beispiel: Mein Hobby. Eventuell einen Timer stellen auf zwei, fünf oder zehn Minuten.

Dann erstmal tief durchatmen, Schultern lockern, den Kopf frei machen, entspannen, und Go!

In Wolken um das festgelegte Thema herum, alles notieren, was jetzt zu dem Thema einfällt, ohne es zu beurteilen, völlig frei.

Bei einer ernsthaften Blockade, darf man auch erstmal Striche um das Wort oder die Begriffe im Mittelpunkt des Blattes ziehen, Kreise malen, bis dann doch mal was kommt zum Aufschreiben. Aber nicht aufgeben, weiter auf diese Worte in der Mitte des Blattes schauen, und darauf warten, was das eigene Gehirn zu diesen Worten zu sagen hat. Alles aufschreiben, auch wenn man erstmal glaubt, es macht keinen Sinn in diesem Zusammenhang! Meist bricht dann plötzlich ein "Fluss" los und es strömen plötzlich ganz viele Gedanken auf einen ein.

Schließlich das entstandene "Bild", Gabriele L. Rico nennt es Cluster, in Ruhe anschauen. Unser Gehirn ist darauf programmiert: Muster zu erkennen. Vielleicht passiert es schon während man noch das Brainstorming macht, ähnlich einem AHA-Effekt.

"Weil Ihr bildliches Denken schon ein Bedeutungsmuster entdeckt hat. Vertrauen Sie ihm." Gabriele L. Rico.

Irgendein Wort wird in den Vordergrund treten, irgendein Zusammenhang wird dem Schreibenden plötzlich zutage treten, wird zum ersten Satz anregen... und zum nächsten und dann zum nächsten, meist ohne, dass man überhaupt nochmal auf das Wolkenbild schauen muss. Und das Überraschende ist, auf diese Weise ist der Text meist in einem Guss, hat einen roten Faden, schreibt sich fast von ganz allein, voller Energie, ohne jede Mühe. Selbst das Ende des Textes führt in einem Kreis oft zurück zum Anfang. Ein von Anfang bis Ende runder Text ist entstanden.


Unser Gehirn liebt es Muster, Zusammenhänge und Strukturen zu entdecken, was wir uns beim Schreiben zunutze machen können.

Das kann man wunderbar mit kurzen Texten zu Hause üben, spielen, Spaß dran haben. Wenn man diese Technik einmal ausprobiert hat, kann man sie für alle möglichen Arten des Schreibens für sich nutzen, ob fiktional oder Sachtext, Briefe oder Poesie.

Lesetipps zum Thema:

Ich finde den deutschen Titel "Schreiben in Cafés" irgendwie irreführend, und die Ausgabe auch etwas teurer, deshalb empfehle ich immer die günstigere englische Ausgabe: "Writing Down the Bones."



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