Wirst du deinen Roman jemals beenden, wenn du nicht jeden Tag schreibst?

Spoiler: Ja, sobald du aufhörst, dich und deine Charaktere zu martern.



Als Jugendliche besuchte ich regelmäßig eine Schreibwerkstatt. Wir lasen gegenseitig unsere Ergüsse vor und danach gab es Feedback von der Gruppe und der Werkstattleiterin. Bisher hatte ich vor allem Kurzgeschichten geschrieben. Aber bei einem der Treffen erzählte ich der Werkstattleiterin ganz begeistert, dass ich es jetzt mal mit einem Roman probieren wollte.


Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, die Stirn legte sich in Falten. "Dann musst du aber wirklich jeden Tag schreiben!" Dieser Ratschlag kam von einer Frau, zu der ich aufsah, die Erfahrung mit dem Schreiben hatte. Natürlich habe ich ihre Worte beherzigt. In Stein gemeißelt stand für mich von nun an fest: Einen Roman schreibe ich, indem ich mich jeden Tag hinsetze und daran arbeite. Tue ich das nicht, werde ich unweigerlich versagen.


Dies war der Beginn eines endlosen Kampfes gegen mich selbst. So oft startete ich neue Schreibprojekte und fühlte mich wie eine Versagerin, wenn ich eine Pause vom Schreiben machte, sobald die anfängliche Euphorie verflogen war. Und die Werkstattleiterin schien recht zu behalten. Weil ich nicht jeden Tag schrieb, vollendete ich auch nie einen Roman. Ein Teufelskreis!


Als ich vor ein paar Jahren die Idee für meine Piratengeschichte Red Lilly bekam, war ich mal wieder bereit, in die Schlacht zu ziehen. Als Mutter dreier Kinder sah ich dafür nur eine Möglichkeit: Ich stellte mir für neunzig Tage den Wecker auf 4 Uhr morgens. Dank Mel Robbins 5-Sekunden-Regel sprang ich pünktlich aus dem Bett und schrieb tatsächlich die 1.000 Wörter - mal quälend, mal mit Leichtigkeit. Ziel der Aktion war es, nach drei Monaten ein 90.000 Wörter-Manuskript in der Hand zu halten. Das habe ich auch geschafft! Ich konnte mir am Ende stolz auf die Schulter klopfen. 90.000 Wörter in 90 Tagen. 💪


Die Sache hatte nur einen Haken. Als ich das Manuskript ein paar Wochen später durchlas, hätte ich es am liebsten direkt in den Müll geworfen. Es war nicht die richtige Geschichte, sondern nur eine oberflächliche Handlung, stellenweise langatmig und ich hatte keine Ahnung, wer meine Charaktere wirklich waren. Wie sollte ich die ganzen Plotlöcher stopfen - möglichst kreativ, ohne dass es konstruiert wirkt?


Diese ganze extrem Kraft raubende Aktion brachte mich dem Roman, den ich am Ende haben wollte, nur bedingt näher. Ich hatte (so gut wie) jeden Tag geschrieben und ein 90.000 Wörter Manuskript, aber ich hatte keinen Roman. Endlich hatte ich erreicht, was mir die Werkstattleiterin so viele Jahre zuvor mitgegeben hatte: für drei Monate jeden Tag zu schreiben. Aber das Ergebnis war ernüchternd.


Natürlich weiß ich, dass der erste Entwurf schlecht sein muss. Wenigestens hatte ich jetzt etwas in der Hand, womit ich arbeiten konnte, oder nicht? Aber schon der Gedanke, mich an diesen Wust von Manuskript ranzusetzen, um ihn zu überarbeiten, all die Schwächen auszubügeln, langweilte mich zu Tode. Das würde nicht der Roman werden, den ich am Ende haben wollte.


Schreibcoach Lauren Sapala erklärt auf ihrem Blog:

"Du kannst dich nicht zwingen, härter zu arbeiten [...] und dies nach einem Zeitplan zu erledigen, den du durchsetzt und dann machst du dich selbst fertig, wenn du die Ziele nicht erreichst. Das könntest du wahrscheinlich, aber du wirst nie die Ergebnisse erzielen, die du wirklich willst. Du wirst die Charaktere oder die Geschichte aufgrund deiner eigenen Ungeduld dazu zwingen, in eine unnatürliche Richtung zu gehen, und die Geschichte wird sich langsam auflösen und sterben, oder du wirst sie vervollständigen, aber sie wird sich flach anfühlen."

Konzentriere dich auf die Beziehung zu deinen Charaktere, nicht auf das tägliche Schreiben!


Mittlerweile bin ich vollkommen davon abgerückt, jeden Tag schreiben zu müssen. Für andere mag das funktionieren, für mich nicht. Meiner Meinung nach sind die Charaktere die Nuss, die man knacken muss, wenn man einen guten Roman schreiben will.


Es gibt niemanden, den ich besser kenne, als die Charaktere in meinen Geschichten. Ich liebe sie! Ich lache mit ihnen, weine mit ihnen, kämpfe mit ihnen. Dieses Gefühl von Nähe kann einem kein echter Mensch je geben, weil wir uns selten so voll einander öffnen. Meine Charaktere schenken mir diese tiefe Intimität, weil ich ihnen Raum gebe, weil sie sich mir anvertrauen können - besonders die Antagonisten, die vermeintlich Bösen in der Geschichte. Ich respektiere meine Charaktere und das danken sie mir mit den tollsten Ideen und Plot-Twists, die ich selbst niemals hätte konstruieren können.


Die Charaktere kennenzulernen braucht nunmal Zeit und Geduld. Einen echten Menschen kannst du auch nicht mit einem Charakterblatt interviewen und dann weißt du alles über ihn! Ein echter Mensch hat an manchen Tagen auch keine Lust, mit dir zu reden, braucht Erholung. Du brauchst selbst Erholung, denn die Offenbarungen deiner Charaktere, legen auch deine eigenen tiefsten Gefühle und Geheimnisse frei. Das Schreiben, die Kommunikation mit deinen Charakteren ist ein aufwühlender, aber auch therapeutischer Prozess.


Deshalb gebe ich mir und meinen Charakteren die Zeit, die wir brauchen, ohne fest gemeißelte Abgabetermine. Ich möchte mich gut fühlen, wenn ich mich wieder an mein Manuskript setze. Ich will begeistert sein, von den Offenbarungen, die ich habe, manchmal auch, wenn ich gar nicht an meinem Schreibtisch sitze.


Einen Roman zu schreiben, kann eine der schönsten Reisen sein, die du je unternommen hast. Am Ende wirst du viel über dich selbst gelernt haben. Es gibt einen Grund, warum diese Idee ausgerechnet dir zugeflogen ist, warum die Charaktere dich ausgesucht haben, um über sie zu schreiben. Euch verbindet etwas. Diese besondere Verbindung kannst du nur zerstören, wenn du dich dazu zwingst, irgendwas herauszupressen, nur um jeden Tag zu schreiben. Und aus meiner Erfahrung bist du, bloß weil du jeden Tag schreibst, nicht eher fertig mit dem Roman.


Es hat eine Weile gedauert, bis ich das endlich begriffen hatte: Warum den Weg der Qual gehen - sich täglich mit Wortzielen martern und dabei die ganze Freude an der Arbeit zerstören - wenn ich dann trotzdem nicht schneller am Ziel bin?


Der Weg ist das Ziel passt definitiv auch zum Schreiben eines Romans. Genieße es! Und höre auf gegen dich selbst anzukämpfen.


Lese-Tipp: Lauren Sapala "The INFJ Writer. Cracking the Genius of the worlds rarest type." (PL)



AS Renner ist die Autorin des Romans Stadt der Lügen. Unter dem Pseudonym Sina Jasur hat sie mehrere Sachbücher zu Themen wie Minimalismus, Ernährung und Selfpublishing veröffentlicht. Darüber hinaus unterstützt sie als Coach SchriftstellerInnen dabei, ihre Romane zu vollenden.