• AS Renner

Werde ich meinen Roman jemals beenden, wenn ich nicht jeden Tag schreibe?

Spoiler: Ja, wenn du aufhörst, dich selbst zu martern.


Als Jugendliche in einer Schreibwerkstatt, ich hatte bisher vor allem Kurzgeschichten verfasst, erzählte ich der Werkstattleiterin ganz begeistert, dass ich es jetzt mal mit einem Roman probieren wollte. Ihr Gesicht wurde ernst: "Da musst du aber wirklich jeden Tag dran schreiben." Natürlich habe ich ihren Rat beherzigt. In Stein gemeißelt stand für mich fest: einen Roman kann ich nur beenden, wenn ich auch wirklich jeden Tag daran schreibe. Tue ich das nicht, werde ich unweigerlich versagen. Dies war der Beginn eines endlosen Kampfes gegen mich selbst.


Als ich die Idee für meine Piratengeschichte bekam, habe ich mir für neunzig Tage jeden Morgen den Wecker auf 4 Uhr gestellt. Dank Mel Robbins 5-Sekunden-Regel sprang ich pünktlich aus dem Bett und schrieb tatsächlich die 1.000 Wörter - mal quälend, mal mit Leichtigkeit. Ziel der Aktion war es, nach drei Monaten ein 90.000 Wörter-Manuskript zu haben. Das habe ich auch geschafft, aber einen Roman hatte ich damit noch nicht, denn als ich diesen ersten Entwurf las, wurde mir klar: Das ist noch nicht die richtige Geschichte, sondern nur eine oberflächliche Handlung, stellenweise langatmig und ich hatte keine Ahnung, wer meine Charaktere wirklich waren. Wie sollte ich die ganzen Plotlöcher stopfen? Möglichst kreativ, ohne dass es konstruiert wirkt?


Diese ganze extrem Kraft raubende Aktion brachte mich dem Roman, den ich wirklich am Ende haben wollte, nur bedingt näher. Ich brauche Zeit mit meinen Charakteren, Zeit, zum Kern der Geschichte vorzudringen. Und schon der Gedanke, mich an diesen Wust von Manuskript ranzusetzen, um ihn zu überarbeiten, all die Schwächen auszubügeln, langweilte mich zu Tode.


Lauren Sapala, die wie ich für das intuitive Schreiben wirbt, erklärt dazu auf ihrem Blog:

"Du kannst dich nicht zwingen, härter zu arbeiten [...] und dies nach einem Zeitplan zu erledigen, den du durchsetzt und dann machst du dich selbst fertig, wenn du die Ziele nicht erreichst. Das könntest du wahrscheinlich, aber du wirst nie die Ergebnisse erzielen, die du wirklich willst. Du wirst die Charaktere oder die Geschichte aufgrund deiner eigenen Ungeduld dazu zwingen, in eine unnatürliche Richtung zu gehen, und die Geschichte wird sich langsam auflösen und sterben, oder du wirst sie vervollständigen, aber sie wird sich flach anfühlen."

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der wir möglichst täglich nachweisbare Ergebnisse erzielen sollen, selbst in kreativen Berufen - für SchriftstellerInnen wird das oft an der Anzahl an Worten festgemacht, die sie am Tag geschrieben haben. Ob diese Worte wirklich verwertbar sind, interessiert dann weniger. Sich davon freizumachen und damit gegen den Strom zu schwimmen, ist nicht immer leicht, aber wirklich lohnenswert.


Es gibt keine Menschen, die ich besser kenne, als die Charaktere in meinen Geschichten. Ich liebe sie! Ich lache mit ihnen, weine mit ihnen, kämpfe mit ihnen. Dieses Gefühl von Nähe kann einem kein echter Mensch je geben, weil wir uns selten so voll einander öffnen. Meine Charaktere schenken mir diese tiefe Intimität, weil ich ihnen Raum gebe, weil sie sich mir voll und ganz anvertrauen können - ja, auch die Antagonisten. Ich respektiere meine Charaktere und das danken sie mir mit den tollsten Ideen und Plot-Twists, die ich kaum selbst hätte konstruieren können. Jemanden kennenzulernen, braucht Zeit und Geduld. Einen echten Menschen kannst du auch nicht mit einem Charakterblatt interviewen und dann weißt du alles über ihn! Ein echter Mensch hat an manchen Tagen auch keine Lust mit dir zu reden, braucht Erholung. Du brauchst selbst Erholung, denn die Offenbarungen deiner Charaktere, legen auch deine eigenen tiefsten Gefühle und Geheimnisse offen.


Ein Roman kann, muss es natürlich nicht, eine der schönsten Reisen sein, die du je unternommen hast. Das Schreiben des Romans kann dir helfen, dich selbst besser zu verstehen. Es gibt einen Grund, warum diese Idee ausgerechnet dir zugeflogen ist. Warum die Charaktere dich ausgesucht haben, um über sie zu schreiben. Euch verbindet etwas. Diese besondere Verbindung kannst du nur zerstören, wenn du dich dazu zwingst, irgendwas herauszupressen, nur um ein abstraktes Wortziel zu erreichen.


Es eine Weile gedauert, bis ich das endlich begriffen hatte: Warum den Weg der Qual gehen - sich täglich mit Wortzielen martern und dabei die ganze Freude an der Arbeit zerstören - wenn ich dann trotzdem nicht schneller am Ziel bin?


Also frage dich, wenn du dich an deine Geschichte setzt, hast du noch positive Gefühle für diese Arbeit oder ist da eine Wand, die du durchbrechen musst, um überhaupt anfangen zu können? Warum ist dort diese Wand? Brauchst du nur mal eine Pause? Brauchst du vielleicht sogar eine längere Pause? Was wäre so schlimm daran, die Geschichte mal für eine Weile ruhen zu lassen? Gib dir Zeit und versöhne dich wieder mit deinen Charakteren. Abstand kann extrem hilfreich sein, besonders, wenn es um Plotlöcher geht, die man versucht, mit Gewalt zu stopfen. Ich hatte shcon so manchen Aha-Moment, wenn ich der Geschichte einfach mal ein bisschen Zeit für sich allein gelassen habe.


Der Weg ist das Ziel passt definitiv auch für das Schreiben eines Romans. Genieße es! Und höre auf zu kämpfen!


Lese-Tipp: Lauren Sapala "The INFJ Writer. Cracking the Genius of the worlds rarest type." (PL)


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