• AS Renner

Wie mich Charaktere inspirieren, am Beispiel von Aquamans Bruder Orm (Spoileralarm)



Aquaman (Trailer) ist nicht gerade der beste Film, den ich je gesehen habe, aber er hat Spaß gemacht. Sagen wir mal so: er war etwas überladen. Ich stimme dieser Kritik zu, aber darum soll es in meinem Artikel ja gar nicht gehen, sondern ich möchte zeigen, wie mich Charaktere von Filmen, Büchern, Serien zu neuen, meinen eigenen Geschichten inspirieren.

Aquaman hat einen Halbbruder Orm - der ist Aquamans Gegenspieler. Er lebt im versunkenen Atlantis und möchte die Macht im gesamten Ozean an sich reißen, um gegen die Menschen in den Krieg zu ziehen. In dieser Szene kann man Orm und seine Motive ganz gut kennenlernen. Er verliert am Ende, aber Aquaman lässt ihn leben, schließlich ist er sein Halbbruder und er hat gelernt, dass es manchmal besser ist, Gnade zu zeigen, um nicht noch weiteres Leid hervorzubringen.

So kurz so gut. Orm ist so verbissen, so getrieben von seinem Wunsch nach Macht (Vereinigung der sieben Königreiche von Atlantis unter seiner Hand) - es ist alles, was für ihn zählt, was Bedeutung hat. Seine Verlobte Mera, die sich dann auf Aquamans Seite stellt, scheint auch nur seine Verlobte zu sein, weil sie Tochter des Königs Nereus ist, und eine Heirat mit ihr, weitere Macht verspräche.

Ich fragte mich unwillkürlich, ist dieser Mann Orm überhaupt zu Gefühlen fähig? Es scheint so: Als er seine tot geglaubte Mutter wiedersieht, zeigt er das erste Mal so etwas wie Liebe.

Er lächelt nie, was könnte ihn zum Lächeln bringen? Wer? Könnte er sich in eine Frau ernsthaft verlieben? Wie müsste sie sein? Was wäre, wenn er eine ganz gewöhnliche Frau liebte, die keinen Rang, keine Macht verspricht? Er würde sie niemals heiraten, öffentlich zu ihr stehen. Was wäre, wenn sie ihm dann die Liebe verweigerte? Was, wenn sie fortginge? Was wenn heraus käme, dass sie mehr ist, als sie vorgab zu sein? Vielleicht die heimliche Halbschwester von Mera?

Was geschieht nach seiner Begnadigung? Wird er eine höhere Stellung neben Oceanmaster Aquaman bekommen? Oder wird er zunächst einer Prüfung unterzogen, um zu beweisen, dass man ihm trauen kann? Könnte er dann vielleicht ein eigenes Königreich erhalten? Alles, was er immer wollte? Braucht er für diese Prüfung Hilfe? Ausgerechnet von ihr, seiner heimlichen Geliebten, die sauer auf ihn ist, aber ihn insgeheim über alles liebt und sich nichts sehnlicher wünscht, als ihn endlich mal zum Lächeln zu bringen, ihm zu zeigen, dass es so viel mehr gibt als nur den ewigen Kampf um Macht?

Ich würde mich natürlich auch fragen, woher kommt sein Drang nach Macht? Was steckt dahinter? Was hat er erlebt? Wie hat ihn sein strenger Vater beeinflusst, der ein Ungeheuer gewesen sein muss, hat er Orms Mutter schließlich einst hinrichten lassen. Warum muss sich Orm überhaupt beweisen? Was ist sein Antrieb? Es wäre natürlich auch möglich, dass er schwul wäre, gar nicht so unwahrscheinlich sogar - schließlich kommt sein Wunsch nach Macht irgendwo her - vielleicht weil er sich selbst beweisen will, weil sein überaus mächtiger Vater seine Homosexualität für Schwäche hielt? Orm wird innere Kämpfe ausfechten, der Wunsch nach Macht, nach Anerkennung, der Drang nach Liebe, seine Liebe, die er sich nicht eingestehen will.

Was muss passieren, um ihn und seine heimliche Liebe zusammen zu bringen? Was muss passieren, damit er glücklich wird. Was muss passieren, damit er eine Wandlung durchmacht? Denn darum geht es in jeder Geschichte, dass die Charaktere eine Wandlung durchmachen, sich verändern, am Ende anders sind, als sie es zu Beginn der Geschichte waren...

Würde ich Orms Geschichte weiterverfolgen wollen, würde ich sie natürlich in ein anderes, neues Setting versetzen - ein anderes Königreich? Oder in die Moderne? Der gute Bruder, könnte ja auch die erfolgreiche kleine Schwester sein, übernimmt den Weltkonzern, während Orm für ein paar Monate ins Gefängnis muss wegen Korruption (?) und nach seiner Entlassung soll er eine zweite Chance erhalten, sein Leben wieder auf die richtige Bahn zu lenken.

Gut wäre noch ein Konflikt, wo er sich entscheiden muss, bleibe ich "böse" und riskiere ich damit, meine Liebe endgültig zu verlieren? Konflikt, Konflikt, Konflikt - das ist wichtig, um die Geschichte spannend zu halten. Was, wenn er eine böse Entscheidung treffen muss, oder es zumindest glaubt, um jemand anderem zu helfen? Was, wenn er dann alles verliert?

Ich frage mich gern bei jedem Charakter: was ist das Schlimmste, das ihm passieren kann und wie kann ich dafür sorgen, dass genau das eintrifft? Denn meist verändern sich Charaktere erst glaubwürdig im Angesicht des absoluten Leids und Verlustes.

Solche Gedankenspiele und Fragen, das Erforschen von Charakteren macht mir persönlich immer unheimlich Spaß. Manchmal führt es zu einer ganz eigenen Geschichte, manchmal versiegt die Idee aber auch wieder, weil sie nicht genug Potenzial für mich hat, mich einfach nicht allzu sehr inspiriert, mir schon nach wenigen Tagen zu langweilig scheint, um damit Monate oder gar Jahre am Computer zu verbringen.

Aber oft wird daraus auch mehr, meine ganz eigene neue Welt, mit ganz eigenen neuen Charakteren, die ich beim Schreiben und darüber nachdenken sehr intensiv kennenlerne. Und das ist einer der Aspekte, der meine Arbeit als Schriftstellerin so wundervoll macht.


PS: Ich hoffe, dieser Artikel ist nicht zu verwirrend - aber so in etwa laufen die Gedankengänge in meinem Kopf ab, wenn ich eine neue Idee verfolge und entdecke... 🙈


#schreiben #ideenfinden #autorin #autorinnenleben #autorenleben #autor


9 Ansichten

​FOLLOW ME

  • Instagram
  • zwitschern

© 2019 by AS Renner. Erstellt mit Wix.com